[Buchgedanken] Irene Vallejo: „Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“

Vor kurzem habe ich im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de „Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ von Irene Vallejo gelesen. Das Buch ist 2022 im Diogenes Verlag erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 bei Siruela, Madrid, unter dem Titel „El infinito en un junco. La invención de los libros en el mundo antiguo“ veröffentlicht. Das Buch ist dabei als Sachbuch einzuordnen, für die Übersetzung zeichnen Maria Meinel und Luis Ruby verantwortlich. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars.

Das Buch ist eine der schönsten Erfindungen der Menschheit. Bücher lassen Worte durch Zeit und Raum reisen und sorgen dafür, dass Ideen und Geschichten Generationen überdauern. Irene Vallejo nimmt den Leser mit auf eine abenteuerliche Reise durch die faszinierende Geschichte des Buches, von den Anfängen der Bibliothek von Alexandria bis zum Untergang des Römischen Reiches. Dabei treffen wir auf rebellische Nonnen, gewiefte Buchhändler, unermüdliche Geschichtenerzählerinnen und andere Menschen, die sich der Welt der Bücher verschrieben haben.

„Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ ist ein Sachbuch über die Anfänge der Literatur. Dabei ist der Untertitel im Deutschen doch etwas missverständlich, erwartet man doch einen Abriss der Weltgeschichte, während der spanische Originaltitel (in sehr freier Übersetzung) „Die Erfindung der Bücher in der antiken Welt“ hier viel akkurater ist.

Allerdings weicht Irene Vallejo auch von diesem Konzept regelmäßig ab, streut sie doch aktuelle Themen, persönliche Anekdoten und Erinnerungen in einer solchen Bandbreite ein, dass die Darstellung oftmals einen roten Faden vermissen lässt. Diverse Wiederholungen sorgen dabei ebenfalls nicht für die notwendige Straffung und hindern damit etwas den Informationsfluss.

Dabei ist Irene Vallejos episches Werk durchaus informativ, gerade die Anfänge der Bibliotheken, die anfänglich gänzliche Absenz eigener römischer Literatur oder auch die Kritik am geschriebenen Wort von Sokrates – der Autorin gelingt es, neue Fakten interessant aufzuarbeiten und zu vermitteln. Dabei lässt sich Vallejos Schreibstil grundsätzlich gut und flüssig lesen, durch die vielen Sprünge bleibt es aber anstrengend, konzentriert am Ball zu bleiben – und daher lässt sich das Buch nur in kleineren Abschnitten lesen.

Die Buchgestaltung überzeugt im Wesentlichen. Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Schutzumschlag ist mit dem Covermotiv schön anzusehen und leicht geprägt, allerdings zum Buchrücken von dem Titel und der Coverrückseite mit harten Brüchen vesehen. Das Buch unter dem Umschlag ist naturgemäß schlicht – und insgesamt fehlt der Gestaltung, gerade, aber nicht nur, im Buchsatz, etwas Mut und Innovation.

Mein Fazit? „Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ ist ein informatives und interessantes Sachbuch, dem leider etwas die Stringenz und der rote Faden fehlt. Für geschichtsinteressierte Buchliebhaber dennoch zu empfehlen – wenn man einen langen Atem hat.

Leserunden im Doppelpack | Buchpost

Bevor es nächste Woche wieder einige Rezensionen hagelt, möchte ich Euch heute zum Sonntag noch zwei Bücher zeigen, die mich letzte Woche im Rahmen von Leserunden auf Lovelybooks.de erreichten – vielen Dank dafür an die Verlage! „Ich, die Jungs und die Sache mit dem Coolsein“ von Yvonne Struck (Boje Verlag) ist ein Jugendbuch ab zwölf Jahren, „Papyrus: Die Geschichte der Welt in Büchern“ von Irene Vallejo (Diogenes Verlag) ein Sachbuch, das die schönste Sache der Welt feiert: Bücher!

Welches Buch ist zuletzt bei Euch eingezogen?

[Buchgedanken] Jonathan Lee: „Der große Fehler“

Vor einiger Zeit habe ich „Der große Fehler“ von Jonathan Lee gelesen. Das Buch ist 2022 in der Diogenes Verlag AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2021 unter dem Titel „The Great Mistake“ bei Alfred A. Knopf, New York, veröffentlicht. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de. Das Buch ist als Romanbiographie einzuordnen, für die Übersetzung zeichnet Werner Löcher-Lawrence verantwortlich.

Die Welt besteht aus Fehlern und Flickversuchen. Und manchmal aus seltsamen Missverständnissen. Andrew Green ist tot. Erschossen am helllichten Tag, an einem Freitag, den 13. Spekulationen schießen ins Kraut. Verdankt New York dem einstigen Außenseiter doch unter anderem den Central Park und die New York Public Library. Inspector McClusky nimmt die Ermittlungen auf. Was wussten die übereifrige Haushälterin, der Präsidentschaftskandidat Tilden und die brillante Bessie Davis, der halb New York zu Füßen liegt?

„Der große Fehler“ ist … ja was eigentlich? Von mir als Romanbiografie betitelt, bei Amazon unter anderem als Gegenwartsliteratur und als Polizeikrimi geführt, vereint der Roman doch mehrere Genres zu einem nicht immer wirklich überschaubaren Kuddelmuddel. So erzählt „Der große Fehler“ episodisch in Rückblenden aus dem Leben von Andrew Green, abwechselnd zur Darstellung der Emittlungen von McClusky.

Die Handlung ist daher sprunghaft und nur lose chronologisch, hilfreich wäre es gewesen, die Kapitel zumindest mit Jahreszahlen zu überschreiben. Auch ist die Schwerpunktsetzung nicht immer gelungen. So wird einzelnen Episoden und Handlungssträngen übermäßig viel Raum eingeräumt, während spannende Phasen wie das Wirken Andrew Greens vernachlässigt werden.

Setting, Sprache und Atmosphäre überzeugen hingegen. Der Autor nimmt den Leser mit auf eine Reise in das New York bzw. Amerika des 19. und (sehr frühen) 20. Jahrhunderts, in eine Zeit voller Vorurteile, Rassendiskriminierung und Klassenunterschiede, ohne diese Themen jedoch zu sehr zu politisieren und aus der heutigen Sicht zu beleuchten.

Der Schreibstil des Autors lässt sich – trotz der historischen Themen – im Wesentlichen gut und flüssig lesen, ist beschreibend, jedoch nicht störend oder ermüdend. Bei den Figuren überzeugt Mrs. Bray als Nebencharakter genau wie Samuel Tilden.

Die Buchgestaltung ist im Wesentlichen gelungen, Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet, der Buchumschlag und das Buch darunter sind verlagstypisch schlicht, das Covermotiv bietet aber immerhin mehrere Anklänge an die Handlung.

Mein Fazit? „Der große Fehler“ ist eine interessante Romanbiographie über einen amerikanishcen Visionär, die vor allem durch Setting und Sprache punktet, leider jedoch gerade die Visionen etwas vermissen lässt. Für Liebhaber des Genres bedenkenlos zu empfehlen, aber definitiv nicht – wie im Blurb auf dem Buchrücken angegeben – der „beste amerikanische Roman des Jahres“.

Literatur im Doppelpack | Doppelte Buchpost

In den letzten Tagen erreichten mich wieder im Rahmen von Leserunden auf Loveybooks.de zwei Rezensionsexemplare, die ich Euch heute zeigen möchte- vielen Dank dafür den Verlagen! „Der Markisenmann“ von Jan Weiler (Heyne Verlag) und „Der große Fehler“ von Jonathan Lee (Diogenes Verlag) sind die neuesten Werke zweier sehr prestigeträchtiger und vielumjubelter Autoren – und wurden mit großen Vorschusslorbeeren überschüttet. Ich bin gespannt, ob die Romane da mithalten können – ich werde natürlich berichten.

Kennt Ihr bereits ein Buch eines der Autoren?

[FBM2020] Tag2 – Wort! Satz! Buch!

Während sich der heutige, dritte, Messetag ganz um Jugendbücher und Jugendidole dreht, bestach mein gestriger Messedonnerstag ganz durch ein kulturell wertvolles Programm. So begann der Tag direkt mit einem gewagtem Statement von Bundesminister Gerd Müller, der in seinem Buch „Umdenken“ erklärt, das eine Welt ohne Hunger möglich sei und dies über 10 Jahre insgesamt nur 14 Milliarden Euro kosten würde. Und ebendieses Buch stellte er auf dem Blauen Sofa vor, sprach über Entwicklungshilfe und die Rolle Europas. Mittags nahm Andrea Petkovic, Tennis-Superstar, auf der ARD-Bühne Platz und präsentierte im Gespräch mit Bärbel Schäfer ihr Debüt „Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ – ein autofiktiver Band an Erzählungen.

Nachmittags ging es dann weiter mit Dr. Norbert Lammert, der auf dem Blauen Sofa einen von ihm herausgegebenen Sammelband über Personen und Ereignisse, die die CDU in den letzten Generationen geprägt haben, präsentierte, bevor ebenfalls auf dem Blauen Sofa Bernhard Schlink sein neuestes Werk „Abschiedsfarben“ vorstellte – ebenfalls eine Sammlung von Erzählungen. Damit endete auch schon mein zweiter Messetag nach vier Veranstaltungen, auch für heute sind vorerst wieder vier eingeplant. Der Bericht dazu folgt – wie üblich – dann am morgigen Tag =).

[LBC2019] Ein Tag im Bücherhimmel

20190518_125201(1)Gestern war es wieder soweit, Blogger, Verlage und Autoren trafen sich zur alljährlichen LitBlog-Convention in den Verlagsräumen der Bastei Lübbe AG. Ich war in diesem Jahr zum dritten Mal in Folge dabei – und wenn die Verlage diese Tradition fortsetzen, sicherlich auch nicht zum letzten Mal :). Vielen Dank an die Bastei Lübbe AG, Kiepenheuer & Witsch, DuMont Kalenderverlag, Diogenes, Droemer Knaur und alle Autoren und Sponsoren für das gelungene Event.

20190518_110906Nach der Begrüßung startete ich mit einem kulturellen Programmpunkt in den Tag. Unter dem Motto „Fauser. Lesen. Jetzt.“ stellte der Diogenes Verlag seine neue Hardcover-Reihe der Romane von Jörg Fauser vor – die ersten drei Teile der Serie erscheinen in der nächsten Woche. Neben einigen wissenswerten Informationen über den Autor gab es vor allem auch Einblicke in die Rezeption seiner Werke – sowohl zur heutigen als auch zur damaligen Zeit.

20190518_120714Nicht minder spannend – aber gänzlich anders – war die zweite Veranstaltung am Vormittag. Für den Verlag One by Bastei Lübbe stellte Kira Licht den ersten Band ihrer „Gold & Schatten“-Dilogie vor, eine Buchreihe, die geschickt mythologische Götter-Elemente verknüpft und in die heutige Zeit transportiert. Ich schleiche schon lange um das Buch herum – da Kira auch noch auf der Loveletter Convention in Berlin sein wird, werde ich mir wohl spätestens dort, oder im Anschluss dann das Buch zulegen. Schließlich habe ich mit One-Autoren, die ich im Rahmen der LitBlog-Convention kennengelernt habe, nur gute Erfahrungen gemacht (Caroline Brinkmann!).

20190518_133602Im Anschluss war bereits Mittagspause. Kleine Snacks, Getränke und Muffins – letztere gesponsort von Bookfest und von der Frankfurter Buchmesse – versüßten die Wartezeit bis zu den nächsten Veranstaltungen. In diesem Jahr gab es auch zum ersten Mal in den Pausen ein Glücksrad – an dem ich prompt eine Tasse von DuMont und einen Hauptgewinn gewann. Ich bin schon ganz gespannt, wann ich von den Verlagen bezüglich des Gewinns kontaktiert werde – und wer weiß, vielleicht ist da ja auch was für eine Verlosung dabei :D.

20190518_141335Nach der Pause ging es zu einem meiner Lieblingsverlage. Für Lyx in der Bastei Lübbe AG plauderte April Dawson mit ihrer Lektorin, erzählte aus ihrem Alltag, ihrem Schreibprozess und ihrer Liebe zu Büchern und Bookstagram. Auch April sehe ich in Berlin zur Loveletter Convention wieder – und da ich mir im Anschluss an die Buchvorstellung direkt ihren Sensationserfolg „Up all Night“ mitnahm und signieren ließ, gelingt es mir vielleicht, diesen bis dahin sogar noch zu lesen.

20190518_150925(1)Meine letzte Veranstaltung (bevor ich einen Slot aussetzte, um das Bundesliga-Finale live mitzuerleben) war eine Buchpräsentation von Diogenes mit der Autorin Katrine Engberg, deren zweiter Kopenhagen-Krimi dort als Hardcover erschienen ist. Neben dem Buch, das allen Besuchern in der Convention-Bag – die dieses Mal überragend gut gefüllt war und neben vier! Büchern noch ein kleines Notizbuch, einen Kalender, Tee, Kekse, Bonbons und Goodies enthielt – überreicht wurde, verteilte der Verlag auch noch den ersten Band als Taschenbuch, sodass ich mir im Anschluss die komplette Krimi-Reihe von der dänischen Autorin signieren lassen konnte.

Nach dem packenden Bundesliga-Finale (Mia san Mia!) stieß ich dann zum obligatorischen Get-Together hinzu. Bei 20190519_1050151.jpgEssen und Getränken konnte man den Tag noch etwas Revue passieren lassen, bevor sich dann nach und nach die Verlagshallen leerten. Eine gelungene Veranstaltung – ein toller Tag. Ich würde mich freuen, wenn ich im nächsten Jahr wieder dabei sein kann. Natürlich möchte ich Euch auch meine „Ausbeute“ des Tages nicht vorenthalten.

In zwei Wochen geht es für mich direkt weiter zur Loveletter Convention, bevor dann leider die Messesaison bis zur Frankfurter Buchmesse aussetzt. Aber noch habe ich ja die LLC – zu der es dann in den nächsten Wochen einige Posts – und ein Gewinnspiel – geben wird. Also immer schön aufpassen :).

[LCB2019] Die Vorfreude steigt

Liebe Grüße aus dem ICE 1014 – ich befinde mich gerade im pünktlichen Zug von Mannheim nach Köln Messe/Deutz. Wie in jedem Frühling zieht es mich auch dieses Mal wieder zur Litblog Convention in die Domstadt. Ein Tag in den heiligen Hallen von Bastei Lübbe, ein Tag voller Programmpunkte von Diogenes, Droemer Knaur, DuMont, Kiepenheuer & Witsch und – eben – der Bastei Lübbe AG. Nachdem ich die letzten Jahre tolle Erlebnisse hatte, zum Beispiel Rebecca Gablé und Anne Reinecke traf, Benne Schröder wiedersah und Caroline Brinkmann mit ihrer dystopischen Dilogie für mich entdeckte, freue ich mich auch in diesem Jahr wieder auf einen bunten Mix an Autoren und Programmpunkten. Zu den Highlights zählen sicherlich die Veranstaltungen von Lyx mit Superstar April Dawson, von One by Bastei Lübbe mit Kira Licht und von Diogenes mit Katrine Engberg.

Bereits zwei Wochen später geht es für mich übrigens in Berlin weiter – dann auf der LLC mit einem fabelhaften Line-Up, u.a. mit Mona Kasten, Bianca Iosivoni, Laura Kneidl, Emily Bold und J. Vellguth! Aber dazu dann mehr zu gegebener Zeit :).

Wen von Euch sehe ich denn auf der LBC oder der LLC? Was für Messen/Conventions stehen bei Euch in nächster Zeit an? Rein damit in die Kommentare – ich melde mich dann morgen oder übermorgen mit einem ausführlichen Bericht zur LBC zurück =). Als kleiner Teaser hier noch drei Bilder von 2017 :).

[Buchgedanken] Anne Reinecke: „Leinsee“

In der letzten Zeit habe ich „Leinsee“ von Anne Reinecke gelesen. Das Buch und die Autorin sind mir zum ersten Mal auf der diesjährigen Litblog Convention begegnet – vielen Dank an dieser Stelle für die Bereitstellung eines Lese- und Signierexemplares auf der Veranstaltung. Der Roman ist als Gegenwartsliteratur einzuordnen und wurde 2018 im Diogenes Verlag veröffentlicht.

41HUvZI8DrL._SX315_BO1204203200_Karl, der Sohn des weltberühmten Künstlerpaares Ada und August Stiegenhauer, hat sich unter einem Pseudonym selbst als Künstler in Berlin einen Namen gemacht und seit Jahren keinen Kontakt mehr zu seinen Eltern. Bis ein Anruf seine Welt völlig ins Wanken bringt. Sein Vater tot, seine Mutter schwer erkrankt – Karls Rückkehr in seinen Heimatort verändert sein Leben völlig. Die einzige Konstante ist Tanja, ein achtjähriges Mädchen, das ihn seit der Ankunft in Leinsee aus dem Garten beobachtet und ihm mit Bildern und Zeichen ein Stück Lebensfreude zurückgibt.

„Leinsee“ ist experimentell, ist drastisch und schonungslos. Es ist provokativ, ehrlich und bestürzend. Anne Reinecke gelingt ein, vor allem sprachlich, überzeugendes Debüt, das auf eine tolle Karriere hoffen lässt.

Auch wenn es für viele nur ein kleines Detail ist, gibt es eine Sache, die mich vollends begeistert hat. Es ist eine Kunst für sich, Kapitelüberschriften zu finden, die weder die Handlung vorwegnehmen, noch gänzlich belanglos sind. Der Autorin ist dies hier mit Bravour gelungen. So ist jedes Kapitel mit einer Farbe überschrieben, einem Farbton, der auf den folgenden Seiten eine Rolle spielen und einen Akzent setzen wird.

Die Handlung überzeugt mich hingegen nur teilweise – ist im Ergebnis aber auch irgendwie irrelevant, da „Leinsee“ mehr das Porträt eines zerstörten Menschens ist, mehr Einblick in sein Innenleben, mehr Charakterstudie als wirklicher Ablauf von spannungsgeladenen Ereignissen. Und so gibt es Längen, und gleichzeitig werden Jahre übersprungen. Jahre, in denen viel passiert sein mag, aber nichts den Charakter geändert hat.

Die Figurenentwicklung ist dahingegen, gerade in der Hauptfigur, brilliant. Der Protagonist zeigt Stärken und (viele) Schwächen, entwickelt sich, hadert, verzweifelt – und lässt so den Leser tief in sein Innerstes ein. Dass die Entwicklung der Nebenfiguren aufgrund der Fixierung auf den Protagonisten Karl dabei etwas in den Hintergrund gerät, stört daher kaum.

Das Ende des Romans hat mich allerdings frustriert zurückgelassen. Einige Sätze mehr, einige Sätze weniger – alles hätte ich für vertretbar gehalten. Aber an dieser Stelle aufzuhören, ist Qual für den Leser, ist meines Erachtens nach überspitzt und übertrieben. Die Buchgestaltung ist hingegen ordentlich gelungen. Das Cover – verlagstypisch – zurückhaltend, der Buchsatz, das Lektorat und Korrektorat geräuschlos und harmonisch.

Mein Fazit? „Leinsee“ ist ein gelungenes Debüt, ein Gegenwartsroman, der durch Kleinigkeiten und eine tolle, ehrlich-direkte Sprache besticht. Auch wenn das Ende mich frustriert zurücklässt, ist er doch bedenkenlos zu empfehlen.

 

[Buchgedanken] Dennis Lehane: „Der Abgrund in dir“

Vor kurzem habe ich das neueste Werk von Dennis Lehane, Autor u.a. von „Shutter Island“, gelesen. Das Buch ist am 29.08.2018 im Diogenes Verlag als Hardcover erschienen und dem Genre Thriller zuzuordnen. Die Originalausgabe erschien 2017 unter dem Titel „Since we fell“ bei Ecco, New York. Dass es mir so kurz nach Erscheinungsdatum möglich ist, eine Buchbesprechung des 528 Seiten starken Werkes zu präsentieren, ist dem Verlag zu verdanken, der mir im Rahmen der diesjährigen Litblog Convetion ein unkorrigiertes Leseexemplar für Pressevertreter zur Verfügung stellte – auch an dieser Stelle noch einmal vielen Dank dafür.

41TiFw4eOgL._SX314_BO1204203200_Die frühere Topjournalistin Rachel Childs hat alles, was man sich erträumen kann: eine tolle Wohnung und einen liebevollen, gutaussehenden und erfolgreichen Ehemann, der ihr ein Leben ohne finanzielle Sorgen ermöglicht. Da erscheint es fast nebensächlich, dass ihre eigene Karriere seit einer missglückten Dokumentation auf Haiti ins Stocken geraten ist, und Rachel seitdem von Angststörungen geplagt wird. Nur langsam kehrt sie an der Seite ihres Mannes ins gesellschaftliche Leben zurück, bis in einem Moment ihr ganzes Leben zu einer Face aus Betrug, Verrat und Gefahr verkommt, und Rachel sich ihren größten Ängsten stellen muss. Wird sie kämpfen für das, was sie liebt, oder im Strudel einer unglaublichen Verschwörung untergehen?

„Der Abgrund in dir“ ist mein erstes Buch des Autors. Es ist zugleich Thriller, Liebesgeschichte und Schicksalsroman, ein Buch über das Leben von Rachel Childs und ihre Entwicklung seit der Kindheit. Und so steht auch sie als zentrale Figur im Mittelpunkt, entwickelt immer neue Facetten und Charaktereigenschaften, mal zum Positiven, mal zum Negativen. Bei einer so starken Fixierung auf den Hauptcharakter hätte ich mir gewünscht, dass der Roman in der Ich-Perspektive geschrieben worden wäre, um dem Leser eine noch stärkere Bindung zu und Identifikation mit Rachel zu ermöglichen.

Lehane gelingt es, den Leser mit vielen unerwarteten Wendungen immer mal wieder hinters Licht zu führen. Der Spannungsbogen wird langsam aufgebaut und gewinnt zum Ende hin zunehmends an Stärke – auch dank kurzfristiger Spannungsspitzen. Auch wenn die Handlung teils etwas konstruiert wirkt, überzeugt sie doch insgesamt und sorgt für Nervenkitzel.

Die Schauplätze des Romanes sind gut gewählt, bilden die ganze Bandbreite der Vereinigten Staaten ab, von der urbanen Metropolen-Wohnung bis hin zur verlassenen Fabrik im Nirgendwo, von der urigen Eckbar, die in der Vergangenheit geblieben ist, bis hin zu High-Society-Events. Und so ist, gerade bezüglich der Berichterstattung aus Haiti, „Der Abgrund in dir“ im kleinen auch ein Porträt über das Medienbusiness, über den Wert und die Wahrhaftigkeit von Nachrichten und Nachrichtenschaffenden, über die Schnelllebigkeit der Gesellschaft.

Für ein unkorrigiertes Leseexemplar waren bereits sehr wenige Fehler enthalten, sodass ich guter Dinge bin, dass nach Endkorrektur ein wirklich fehlerarmes Werk vorliegt. Lektorat und Buchsatz haben ebenfalls solide gearbeitet, lediglich vom Cover bin ich nicht gänzlich überzeugt – hier ist viel Potential ungenutzt geblieben.

Mein Fazit? Alles in allem ist „Der Abgrund in dir“ ein gelungener Thriller mit einem tollen Setting, einer starken Hauptprotagonistin und einer spannenden Handlung, die an manchen Stellen allerdings etwas konstruiert erscheint. Für Liebhaber von Thrillern, insbesondere mit psychologischen Elementen, bedenkenlos zu empfehlen.

 

Ran an den SuB mit Ava 2018 – Juli

Die zweite Jahreshälfte wird mit einem ganz besonderen Thema eingeleitet. Pünktlich zum Wetter sind Bücher mit sommerlichen Farbtönen wie Grün, Gelb oder Weiß gefragt.

Zusätzlich zum sommerlichen Thema habe ich mir selbst noch eine Vorgabe gesetzt – endlich mal ein paar literarische Werke auf meinem SuB abzuarbeiten, die teilweise schon viel zu lang dort vor sich hin gammeln. Und daher kommen im Juli folgende Werke auf die Liste :D.

  1. Mariana Leky: „Was man von hier aus sehen kann“ (DuMont)
  2. Marion Poschmann: „Die Kieferninseln“ (Suhrkamp)
  3. Anne Reinecke: „Leinsee“ (Diogenes)

Alle diese Bücher haben etwas ganz besonderes, sei es die geniale Prämisse („Was man von hier aus sehen kann“), die tolle Verknüpfung mit japanischer Lyrik und alten Legenden („Die Kieferninseln“) oder die direkte, starke Sprache („Leinsee“). Insbesondere bin ich gespannt, ob Marion Poschmann die Vorschusslorbeeren, die ich ihr als meiner Favoritin bei der letzten Verleihung des Deutschen Buchpreises zukommen lassen habe, bestätigen kann.

Zum Abschluss möchte ich Euch natürlich die sommerlichen Cover nicht vorenthalten. Auf einen tollen Lesemonat.