[Buchgedanken] Armando Lucas Correa: „Die verlorene Tochter der Sternbergs“

Vor wenigen Tagen habe ich „Die verlorene Tochter der Sternbergs“ von Armando Lucas Correa beendet. Das Buch ist 2020 im Eichborn Verlag in der Bastei Lübbe AG erschienen, die Originalausgabe wurde 2019 veröffentlicht. Der Roman ist dabei am ehesten dem Genre Familiensaga zuzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars über die Bloggerjury.

51pJNsClmhL._SX313_BO1204203200_Berlin, 1939. Für die jüdische Bevölkerung wird das Leben immer schwieriger. Wer kann, bringt sich in Sicherheit. Auch Amanda Sternberg beschließt, ihre Töchter mit der MS St. Louis nach Kuba zu schicken. Am Hafen kann sie sich jedoch nicht von der kleinen Lina trennen. So vertraut sie nur die sechsjährige Viera einem allein reisenden Ehepaar an und flieht mit Lina zu Freunden nach Frankreich. Im kleinen Ort Oradour-sur-Glane finden sie eine neue Heimat. Doch es dauert nicht lange, bis die Gräueltaten der Nationalsozialisten auch diese Zuflucht erreichen …

In „Die verlorene Tochter der Sternbergs“ erzählt der Autor die Geschichte der Familie Sternberg vor und während des zweiten Weltkrieges. Dank toller Beschreibungen und mittels einer eindringlichen Sprache gelingt es ihm dabei, die Gefühle der Angst und Verzweiflung, Liebe und Hass, Sehnsucht und Glück zum Leser zu transportieren und ihm die Grausamkeit und den puren Überlebenskampf vor Augen zu führen. Dabei verliert die Handlung jedoch teilweise an Kontinuität, sodass nicht immer ein roter Faden erkennbar ist. Es bleiben viele Fragen offen und ungelöst und man wird über das Schicksal vieler, episch eingeführter, Personen im Unklaren gelassen.

Dabei wird nicht verkannt, dass gerade dies auch realerweise ein Produkt der Kriegswirren ist. Von einem Moment auf den Anderen ist alles ungewiss, Menschen verschwinden, Schicksale bleiben ungeklärt und auch Jahrzehnte später ist nichts bekannt – einen Leser lässt so etwas jedoch unbefriedigt zurück. Hier hätte durchaus noch Potential für 50, vielleicht 100 zusätzliche Seiten bestanden, um weitere Handlungsstränge aufzulösen.

Das Setting hingegen überzeugt auf ganzer Linie. Sei es die Stadt Berlin in der unmittelbaren Vorkriegszeit oder Frankreich in den Kriegswirren, der Autor erschafft atmosphärisch starke Bilder und Orte, bedrückende Szenerien, die bildhaft vor dem inneren Auge entstehen und den Leser mit den Figuren mitfühlen, mitleiden lassen. Darin liegt auch die große Stärke des Romanes. Denn das in Erinnerung rufen vergangener Schrecken, das Mitfühlen mit unvorstellbarem Leid ist ein Mahnmal, ein Weckruf, der gerade in der heutigen Zeit von allen gehört werden sollte.

Lektorat, Korrektorat und Buchsatz haben sauber gearbeitet. Der Buchumschlag ist ansprechend gestaltet, das Motiv zieht sich auch über den Buchrücken und die Coverrückseite und ist wunderschön und atmosphärisch passend. Der Titel des Romanes ist (allerdings nur auf dem Cover und nicht auf dem Buchrücken) hochwertig geprägt, das Buch unter dem Schutzumschlag klassisch ohne weitere Verzierungen.

Mein Fazit? „Die verlorene Tochter der Sternbergs“ ist ein im Wesentlichen gelungener Roman, der vor allem durch sein atmosphärisches Setting und eine sehr gefühlsstarke Sprache punkten kann. Trotz kleinerer Schwächen in der Handlung für Liebhaber des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen.

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