[Buchgedanken] Ralf H. Dorweiler: „Der Herzschlag der Toten“ (Rieker/Ahrens 1)

Zu den Feiertagen habe ich vor meinem Urlaub noch eine Buchbesprechung für Euch. Denn vor kurzem habe ich auch „Der Herzschlag der Toten“ von Ralf H. Dorweiler gelesen. Das Buch ist 2024 im Wilhelm Goldmann Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH erschienen und als historischer Kriminalroman einzuordnen. Vielen Dank an dieser Stelle auch an den Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplars im Rahmen einer Leserunde auf Lovelybooks.de.

Hamburg 1887. In einem Kontor wird die Leiche einer jungen Frau entdeckt, die mit zahllosen Messerstichen getötet wurde. Der Fall wird zur Bewährungsprobe für den frisch zum Criminalcommissar beförderten Hermann Rieker. Bei seinen Ermittlungen trifft er auf Johanna Ahrens, Tochter eines Richters, die heimlich arme Frauen im Gängeviertel unterrichtet. Da Johanna in der Toten eine ihrer Schülerinnen erkennt, stellt sie auf eigene Faust Nachforschungen an. Dabei lernt sie einen Totenfotografen kennen, dessen Anatomiekenntnisse eine entscheidende Wendung für den Fall bringen. Doch als ein weiterer Mord die Hafenstadt erschüttert, wird klar: Der Täter kann jeden Moment erneut zuschlagen …

„Der Herzschlag der Toten“ ist der erste Band der Krimireihe um Criminalcommissar (Schreibweise dem Buch entnommen) Rieker und Johanna Ahrens, Tochter eines Richters und Teil der Hamburger High Society. Dabei ist der Roman als historischer Kriminalroman einzuordnen, beschränkt sich hierbei aber nicht rein auf die Krimihandlung, sondern zeigt durchaus gesellschaftskritische und emanzipatorische Züge vor dem Hintergrund des damaligen Ständesystems und Rollenverständnisses.

Die Handlung generell ist jedoch sehr spannend und wartet durchaus mit unerwarteten Wendungen auf, auch wenn unüblich früh ein Täter präsentiert wird. Ein weiterer, kleiner Wermutstropfen ist der doppelte Cliffhanger am Ende – das hätte der Roman hier nicht (vor allem in dieser Vehemenz nicht) benötigt, ein Cliffhanger wäre schon mehr als genug gewesen. Abgesehen davon entwickelt sich das Buch jedoch, gerade in der zweiten Hälfte, zum wahren Pageturner, der einen nicht mehr loslässt.

Das Setting überzeugt auf ganzer Linie und lässt auf eine solide Recherche schließen. So entführt der Autor die Leser:innen ins Hamburg des endenden 19. Jahrhunderts, ins deutsche Kaiserreich zu Bismarcks Zeiten. Dabei gelingt es Ralf H. Dorweiler, die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich, Standesdünkel und damalige Gesellschaftsmodelle deutlich zu machen und zu kritisieren, ohne den Fluss der Handlung versiegen zu lassen. Insbesondere der Spagat zwischen einer selbstbestimmten Johanna und ihrem engen gesellschaftlichen Korsett ist hier gut aufgelöst.

Die einzelnen Figuren sind im Wesentlichen vielschichtig angelegt, haben Stärken und Schwächen, eigene Ziele und Motive. Johanna ist hierbei die spannendste Figur, wenn sie auch nicht immer überzeugend handelt, während Rieker und vor allem Anita durchaus in ihrer Komplexität brillieren können. Ralf H. Dorweilers Schreibstil lässt sich dabei leicht und flüssig lesen und das Kopfkino sofort anlaufen, legt aber – trotz gelegentlich dialektischer Anwandlungen – sicher einen stärkeren Fokus auf die Lesbarkeit als auf in allen (sprachlichen) Punkten historische Authentizität.

Die Buchgestaltung ist solide. Lektorat und Korrektorat haben im Wesentlichen sauber gearbeitet, der Buchsatz ist einfach, aber ordentlich. Das Covermotiv setzt sich gut über Buchrücken und Coverrückseite fort, sodass ein einheitliches Gesamtbild entsteht, insgesamt ist der Umschlag aber etwas zu düster und eintönig, um wirklich ein Eyecatcher zu sein. Auch ist das Covermotiv etwas beliebig und daher austauschbar, hier fehlt mir eindeutig der Bezug zur Handlung.

Mein Fazit? „Der Herzschlag ist der Toten“ ist ein überzeugender Start in die Reihe, der vor allem mit starken Figuren und einem brillanten Setting glänzen kann, dessen hochspannende Handlung auch nur kleinere Schönheitsfehler besitzt. Für Leser:innen des Genres daher bedenkenlos zu empfehlen, ab einem Lesealter von etwa 16 Jahren.

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